Vorwort:

Liebe Leserin, lieber Leser, mit der Broschüre Frauenhaus als Chance wollen wir Frauen und ihre Kinder nicht als Opfer präsentieren, sondern als Handelnde, als kreative, reflektierte Menschen. Durch Interview-Ausschnitte, Zeichnungen, Bilder vermitteln sie uns ihren Eindruck, ihre Erinnerung an die schwerste Zeit ihres Lebens.
Das Frauen- und Kinderschutzhaus ist seit nunmehr 28 Jahren ein Krisenzentrum für Frauen und Kinder, denen durch Lebenspartner, Ehemänner, Väter Gewalt angetan wurde. Jede Frau, jedes Kind finden hier Schutz und
Beratung, unabhängig davon welcher Kultur, welcher  Altersgruppe oder sozialen Schicht sie angehören. Das Frauen- und Kinderschutzhaus ist ein Ort, in dem die Notlage als Chance begriffen werden kann, ein Ort, in dem die eigenen Ressourcen wieder entdeckt und gestärkt werden können, ein Ort, in dem eine tragfähige Basis für die Zukunft entwickelt werden kann. Stellvertretend für alle beschreiben oder malen einige Frauen und Kinder, was ihnen während ihres Aufenthaltes im Frauen- und Kinderschutzhaus besonders wichtig war, an was sie sich gerne erinnern.

Quelle: Broschüre „Frauenhaus als Chance“, Mai 2006

Ursula (43 Jahre, 4 Kinder) am 3.01.06

Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen – meine Kindheit verlief „normal“. Im Alter von 15 Jahren habe ich meinen, damals 21jährigen Ex- Mann kennengelernt.Mein bester Freund hat ihn mir vorgestellt, es war sein Bruder. Für mich schien er damals ganz okay zu sein. Es imponierte mir einen älteren Freund zu haben und ich war dann mit ihm zusammen. Ich hatte nach meinem Schulabschluss mehrere Ausbildungsversuche. Aufgrund meiner Hörschädigung war dies allerdings nicht so einfach. Dann fand ich eine Stelle bei einem Turnverein als Bürogehilfin mit zusätzlicher Turnlehrerausbildung, und ich war begeistert. Mein Lehrgeld sollte damals nur sehr gering sein, mir war das eigentlich egal, aber meine Mutter fragte nach und infolgedessen war dieser „Traum für mich ausgeträumt“. Sie lehnten mich plötzlich ab. Ich jobbte dann in einem Kindergarten, war in allen Aufgabenbereichen tätig und arbeitete auch in der Krippe. Nur dort konnte ich auch keine Ausbildung beginnen und nur so als „Hilfe“ zu arbeiten erschien mir damals zu blöd. Obwohl mir die Arbeit eigentlich Spaß machte, ich wollte aber eine richtige Ausbildung machen.
Bevor ich einen neue Entscheidung bezüglich meines Arbeitslebens treffen konnte, wurde ich schwanger. Da war ich gerade 16 Jahre, wir heirateten als ich 17 wurde. Ich wurde eine für meine Verhältnisse vorbildliche Hausfrau und Mutter. Wie man es sich so vorstellt backen, kochen, Familie. Wir hatten ein Reihenhaus und nach außen schien alles in Ordnung zu sein. Es schliffen sich mit der Zeit immer mehr feste Rituale ein, die mein Mann natürlich sehr genoss. Ich backte für den Sonntagskaffee und sorgte für feste Mittagszeiten und organisierte jedes Familienfest und Feiertage zur Zufriedenheit meines Ex. Ich veränderte mich auch äußerlich, ich wurde dick und fühlte mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Ihm gefiel es, denn er war sich wohl meiner nun sicher, mit seiner krankhaften Eifersucht. Mein Ex kontrollierte mich und war fürchterlich eifersüchtig. Ich isolierte mich immer mehr von allen und jeden.
Ob ich ihn damals geliebt habe, weiß ich gar nicht, denn ich wusste doch gar nicht wie sich „richtige Liebe“ anfühlt. Mein Mann hat gearbeitet und ich bekam im Laufe der Jahre weitere 3 Kinder. Ich kam mit meiner Mutterrolle sehr gut zurecht. Die Kinder waren für mich mein einziger Lebensinhalt. Die Ehe kriselte immer mehr. Wir hatten uns nicht viel zu sagen, er hat geredet und ich habe zugehört. Als er seine Krisen (Midlife-Krisis) bekam, war ich froh, wenn er aus dem Haus ging. Er veränderte sich im Laufe der Zeit immer mehr. Er verbreitete ständig schlechte Laune und stritt sich laufend mit meinem ältesten Sohn. Ich schlug schließlich vor, dass er sich seine Freizeit anders gestalten sollte z.B. musizieren. So fing er an Klavier zu spielen und malte etc. Mir war es recht, wenn er nicht da war. Jeder körperliche Kontakt wurde für mich unerträglich. Er kontrollierte mich ständig und durchsuchte jeden Tag meine Taschen.

Die einzige Freude bekam ich durch meine Kinder. Als ich dann von meiner Tochter erfuhr, dass er sie einige Jahre zuvor sexuell missbraucht hatte, fiel ich aus allen Wolken. Da war es für mich klar, ich musste weg, meine Kinder und mich in Sicherheit bringen. Rein körperlich und räumlich hatte ich mich schon einige Wochen zuvor von ihm getrennt. Ich schlief in einem anderen Zimmer. Als ich ihn mit dem Missbrauch konfrontierte, wiegelte er ab und bezichtigte natürlich meine Tochter der Lüge.

Er drohte uns, wenn ich ihn verlassen würde, würde er uns alle und sich selbst umbringen. Auch nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, versuchte er weiterhin meine Tochter zu beeinflussen. Ich konnte es nicht ändern, denn ich wusste, dass ich keine Zeit verlieren durfte. Seine Mordandrohung und überhaupt, die ganze Situation zeigten mir, dass ich sofort handeln musste. Ich ließ meine eine Tochter die wichtigsten Dinge packen. Die andere Tochter lenkte ihn mit Gesprächen ab. Mir schien es, dass er durch die Konfrontation mit meinen Wissen über die Tat, vorerst irritiert war und daher nicht in der Lage zu reagieren. Ich telefonierte mit meiner Schwester und rief nur: Hol mich sofort ab! Das tat sie auch und dafür bin ich ihr auch heute noch dankbar. Sie hat alles stehen und liegen gelassen und ist gekommen. Meine Tochter musste ich wirklich zwingen das Haus zu verlassen. Sie weigerte sich, denn sie hatte sich selbst die Schuld daran gegeben, dass durch ihr Geständnis die Familie auseinanderbrach. Außerdem hatte sie Angst, dass er die Selbstmorddrohung wahr machen könnte. Ich kannte den Psychoterror gut von ihm. Als ich dann alle Kinder, bis auf meine älteste Tochter, im Auto hatte, hoffte ich, dass er es nicht bemerkt. Die Lage spitzte sich dann noch einmal zu, ich sah ihn an der Tür stehen und meine Tochter stand davor. Sie zögerte noch und ich schrie, sie soll kommen. Auch meine Schwester rief, dass sie sofort ins Auto steigen soll. Sie kam dann endlich und wir brausten davon. Im Auto weinten wir und waren froh ihm entkommen zu sein. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn meine Tochter nicht eingestiegen wäre? Ich wäre vermutlich nicht gefahren. Aber daran mag ich gar nicht denken. Mir wird da jetzt noch ganz anders zumute. Meine Tochter hat ihn dann jedenfalls angezeigt und er hat inzwischen seine Strafe dafür bekommen. Ich habe meine Tochter aber nicht dazu gedrängt, sie war alt genug, dies selbst zu entscheiden. Ich fand es wichtig für sie und hätte jede Entscheidung von ihr mitgetragen. Mein Ex wurde dann von der Polizei noch psychologisch betreut, weil er ja angab sich umbringen zu wollen. Er hat es bis heute nicht getan.
Wir haben seitdem keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Kinder sagen heute, dass mit dem Einzug in das Frauenhaus ein neues Leben begonnen hat. Im Frauenhaus, habe ich das erste mal, nach den vielen Jahren tief und fest schlafen können. Das Gefühl der Sicherheit war unbeschreiblich. Auch heute, nachdem ich in meiner eigenen Wohnung lebe, konnte ich zwar schlafen, aber dieses Gefühl, an einem sicheren Ort zu sein, hatte ich seitdem nicht wieder. Natürlich habe ich nun die Wohnung, aber das unsichere Gefühl, er könnte uns doch finden ist geblieben, auch wenn es immer kleiner wird. Es sind neue liebe und wichtige Menschen in unser Leben getreten, die wir nicht mehr missen möchten. Ich bekomme von allen Kindern so viel Zuneigung und Liebe und das Vertrauen, damals das Richtige getan zu haben. Ich habe eine Arbeit gefunden und wir sind glücklich!
Wenn ich an meinen Ex denke, kann ich nur sagen: „Du hast über die Hälfte meines Lebens von mir gekriegt, mehr bekommst du nicht!“

Außerdem weiß ich nun endlich was Liebe ist! Ich bin mir nun sicher, dass ich meinen Ex nie geliebt habe.
Ich habe einen Partner gefunden, der mich und meine Kinder so liebt und akzeptiert, wie wir sind.
Meine Freiheit und Unabhängigkeit möchte ich dennoch nicht aufgeben, deshalb leben wir auch räumlich getrennt. Aber ich bin das erste Mal verliebt und glücklich, nach so vielen Jahren!

Annie (16 Jahre) „Meine Zeit im Frauenhaus!“:

Wir sind damals an einem Sonntag geflohen. Ich stand etwa um 11 Uhr auf und es war mal wieder dicke Luft. Mein biologischer Erzeuger saß nervös in der Küche und meine Mutter klagte über Kopfschmerzen. Der Tag verging und an irgendeinem Punkt ihres Streites habe ich dann meine ältere Schwester geweckt, die versuchen sollte, wie so oft, zu schlichten. Doch als sie in den Keller ging, wo momentan gestritten wurde, eskalierte der Streit wohl und es wurde lauter und meine Schwester ging mit meiner Mutter, mit hochrotem Kopf; ins Badezimmer, um sie zu beruhigen. Mein Vater stand unten an der Treppe und war sehr nervös und gestresst, genervt. Ich fragte ihn, was denn los sei und er schrie mich an:

„Es ist alles in Ordnung – ja! Mama geht’s einfach nicht gut, geh nach oben“. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies wohl das Letzte war, was ich jemals von meinem Vater hören würde, doch selbst wenn, wäre ich wohl ein Stück glücklicher darüber gewesen. Ich ging also nach oben, wo ich dann versuchte, meinen kleinen Bruder zu beruhigen, der natürlich Angst hatte, wenn meine Eltern stritten und auch er fühlte, dass dies wohl kein normaler Streit ist, es war diesmal etwas heftiger, auch wenn wir kein Wort richtig verstanden haben. Aber es war lauter als sonst. Dann hörte ich, wie meine Mutter die Treppe hochkam, ich ging ihr entgegen, und sie sah sehr blass aus, sie zitterte und konnte nicht sprechen und sie zeigte mit ihrem Finger auf den Schrank. Da wusste ich, jetzt geht’s los. Wir müssen hier raus. Sie zeigte dann noch auf die Tasche und daraufhin packte ich alles, mir wichtig Erscheinende, ein. Sogar an Zahnbürsten usw. habe ich gedacht. Ich habe meinem Bruder dann noch gesagt, er soll sich anziehen, denn wir gehen jetzt und dann, als ich alles eingepackt hatte, hörte ich, wie meine Mutter unten im Flur meine Tante anrief und meinte, ob sie uns denn abholen könnte, schnell. Die Minuten, die meine Tante braucht, kamen mir wie Stunden vor. Dann hörte ich das Auto unten vor der Tür parken und meine Mama meinte: „Komm wir gehen“. Ich ging hinter meinem Bruder als zweite aus dem Haus. Aber da fehlte ja noch meine große Schwester, sie war wohl noch im Keller. Ich rutsche in die Mitte des roten Golfs und konnte kein Wort aussprechen, zu schnell ging das alles und was wäre, wenn mein Vater meiner Schwester etwas antun würde. Ich wusste ja den genauen Grund nicht, warum wir jetzt gehen. Aber die seelischen Qualen der letzten Monate haben mir schon gereicht. Meine Mutter schrie von der Haustür meiner Schwester zu, die noch im Haus stand, dass sie jetzt ins Auto kommen sollte. Doch sie wollte nicht. Als dann mein Vater aus dem Keller wieder nach oben kam, gab sie auf und kam auch ins Auto. Die Türen fielen zu und wir düsten los. Bloß weg von diesem schrecklichen Ort, den ich einst mein Zuhause genannt habe. Neben mir weinten meine Schwester und mein kleiner Bruder und meine Schwester schrie die ersten Minuten lang: „Er bringt sich jetzt bestimmt um!“
Wir fuhren weiter und weiter und als wir dann einen kleinen Berg hinunter fahren mussten, da fühlte ich mich endlich wieder frei. Frei als Teenager, der ich war und frei als Mensch. Alle im Auto weinten außer mir, ich fühlte irgendwie, dass es so sein muss. Dann kamen wir bei meiner Tante an. Meine beiden Cousins waren da und mein großer Bruder kam und lobte mich dafür, dass ich alles eingepackt hatte. Später kam noch die Polizei, als wir schlafen gehen wollten, sagte meine Mutter mir dann, dass sie uns mit ins Frauenhaus nehmen möchte. Sie schlug Hamburg vor, was mir nicht so gefiel, doch dann sollten wir den nächsten Morgen nach Hannover fahren. Mein Bruder sollte uns mit dem Auto zum vereinbarten Treffpunkt bringen, von wo aus wir dann zum Frauenhaus gebracht werden sollten. Am nächsten Tag ging’s dann los, wir fuhren los. Mein Bruder holte uns ab und wir quetschten uns alle in dieses Techno-Auto und wir fuhren von C. nach Hannover. Dann waren wir da und eine blonde kurzhaarige Frau und ein dunkelroter Bulli empfingen uns. Wir verabschiedeten uns von meinem Bruder und fuhren dann mit dem Bulli zum Frauenhaus, als wir herein kamen wurden wir von zwei netten Mitarbeiterinnen empfangen und wir bekamen zwei Zimmer, eins für meine große Schwester und eins für meinen Bruder, meine Mutter und mich. Wir wurden dort mit einem Lächeln begrüßt und ich fühlte mich dort sehr sicher. Während meine Mutter befragt wurde und dann ihre Daten aufgenommen wurden, fühlte ich mich gleich wohl und konnte es kaum erwarten, endlich unser Zimmer und mein Bett zu sehen, wo ich mich jetzt für etwas länger aufhalten sollte. Sie zeigten uns die Zimmer und ich freute mich wirklich sehr, endlich aus diesem schrecklichen Haus mit dieser schrecklichen Person namens Vater weg zu sein. Es interessiert mich auch nicht wirklich, was mit ihm geschah, denn das sollte unser neues Leben werden. Mein Vater benutzte mich, uns alle ein Stück als „seelischen Mülleimer“, wie ich es später bezeichnete. Sobald es ein Problem mit meiner Mutter gab, zog er mich zur Seite und heulte sich aus. Unser Platz zum Reden war die Terrasse, wo er sich dann hektisch eine Zigarette anzündete und mich über sie ausfragte und wenn man denkt, dass man eine Vertrauensperson vor sich hat, dann hört man ihr zu und versucht ihr zu helfen. Am Ende dieser Gespräche versuchte er mir dann immer mitzuteilen, dass er glaubt, dass alles wieder gut wird. Ich hab‘ ihm das vielleicht fünf Mal geglaubt, doch dann merkte ich, dass es immer schlimmer wurde. Meiner Mutter glaubte ich jedoch, dass sie alles wieder gut machen würde. Ich hatte deswegen immer Angst nach der Schule nach Hause zu kommen, denn dann geht es wieder los. Es gibt Essen, ich zieh mich in mein Zimmer zurück, und sobald ich die Treppe betrete, fragt er mich, ob ich nicht mit auf die Terrasse kommen möchte und dann geht’s los. Da ich nicht so gerne nach Hause kam und Schule und Hausaufgaben machen eine gute Ausrede dafür waren, diesen Gesprächen aus dem Weg zu gehen, wurde ich ziemlich gut in der Schule. Ich lernte und lernte und legte mich richtig ins Zeug, um mich abzulenken, aber in der Schule sagte ich niemanden etwas von zu Hause. Außerdem wollte ich mit meinen guten Noten mal etwas gute Stimmung zwischen meine Eltern bringen, was auch manchmal geklappt hat. Meine beste Freundin, die immer noch meine beste Freundin ist, wusste nur, dass meine Eltern sich getrennt hatten. Meine Klasse erfuhr alles erst, als ich es ihnen in einem Brief schrieb, der in der Klasse vorgelesen werden sollte. Mein Vater hatte eine sehr komische von seinen vielen schlechten Eigenschaften dazu benutzt, zu erklären, warum meine Mutter sich nun von ihm getrennt hat. Da er ja Italiener war und wir alle katholisch getauft waren, dachte er nun, dass meine Mutter vom Teufel besessen wäre und sie es deswegen nicht mehr mit ihm aushalten würde und so versuchte er ihr den Teufel auszutreiben, in dem er da, wo meine Mutter öfter war, eine Bibel hinlegt und drauf schrieb: Satan weiche von ihr oder so was in der Art. Als das nicht anschlug, dachte er, dass sie in die Wechseljahre kommen würde. Also wurden die Büchereibesuche, die wir öfter vornahmen, entweder zu einer Geheimsache oder er versteckte seine ausgeliehenen Bücher vor mir aber so auffällig, dass ich natürlich sehen konnte, dass er Bücher über Wechseljahre ausgeliehen hatte.

Mit all diesen Aktionen, wovon dies nur die schlimmsten sind, hat er versucht, seinen achso verletzten Stolz zurück zu bekommen. Oder er musste ja unbedingt 8-mal „Gute Nacht“ sagen, damit er meiner Mutter zeigen konnte, dass er das bessere Elternteil ist, was er natürlich nie war und so versuchte zu werden, wobei er natürlich scheiterte. Im Gegenteil, er nahm uns eher dadurch unsere Privatsphäre weg, kam andauernd ins Zimmer, es ist blöd, wenn einem das Privileg weggenommen wird Teenager zu werden oder Kind zu sein. Ich und eigentlich fast alle Kinder hatten, bevor die Sache mit der Trennung war, schon immer ein etwas gespanntes Verhältnis. Da wir aber eine sehr herzliche und humorvolle Familie sind, die auch ein gewisses Temperament hat, haben wir immer versucht, das Beste draus zu machen und es gab auch humorvolle und schöne Momente mit meinem Vater. Ich habe zum Beispiel öfter mit ihm Kunstausstellungen besucht oder wie gesagt, sind wir auch mal in die Bücherei gefahren. Das hat schon Spaß gemacht, doch mit diesen Dingen kann er nicht ausgleichen, was er in meinen Augen Schreckliches ausgelöst und verbrochen hat. Er hat sich also sein eigenes Loch gegraben, um später reinzufallen, deswegen fiel es mir auch nicht schwer, mich von meinem Vater zu trennen bzw. dass meine Mutter uns gerettet hat. Am Anfang, wo wir im Frauenhaus waren, war ich schon traurig, aber nicht, weil ich meinen Vater nicht mehr hatte, sondern weil ich eigentlich nie einen tollen Vater hatte, einen der mich nicht mein Leben lang belügt. Einen, der nicht in der Midlifecrisis war. Einen, der für einen richtig da ist und von dem man auch was lernen konnte und lange intelligente Gespräche führen konnte. Das ist ein sehr wichtiger Punkt gewesen, denn ein Vater muss doch ein Stück Vorbild sein und eine gewisse Beschützerposition einnehmen. Stattdessen drohte er uns, dass er uns alle umbringen will, wenn wir nicht bei ihm bleiben wollen, was uns natürlich alle verunsicherte. Ich fühle mich zwar manchmal heute noch unsicher auf der Straße, wenn ein Auto auf der Straße ist, was dem meines Vaters ähnlich sieht, aber im Grunde kann er mir ja gar nichts. In der nächsten Woche wurde mir die Erzieherin vorgestellt, die meiner Mutter half, Schulen für uns zu finden. Es gab öfter in der Woche so Betreuungsstunden, wo wir dann in den sogenannten Spielraum gegangen sind, wir haben auch mal mit der Erzieherin zusammen gefrühstückt, ich habe auch im Frauenhaus mehrere Kinder kennen gelernt, mit denen ich und mein Bruder uns angefreundet haben. Ganz besonders mit einer tscheschenischen Familie, die Kinder in unserem Alter hatten. Sie haben später auch mal bei uns übernachtet, wo wir dann unsere Wohnung hatten. Meine Mutter saß oft abends mit manchen Nachtwachen noch und hat geredet. Wir haben bis zum Schluss unseres zweimonatigem Aufenthalts sehr viel Unterstützung erhalten. Wir sind dann alle zusammen in eine neue Wohnung gezogen und meine Schwester hat dann eine Wohnung in der Nähe bekommen und wie man sieht, bekommen wir unser Leben besser ohne meinen Vater hin. Ich habe letztes Jahr meinen erweiterten Realschulabschluss geschafft ohne meinen Vater und ich bin ein sozialgerechter, selbstbewusster, toleranter, verantwortungsbewusster Mensch ohne meinen Vater geworden.Ich glaube viele denken immer, dass es im Frauenhaus sehr traurig ist, weil man ja einen bestimmten Grund hat, warum man dort ist. Aber ich habe es nicht so empfunden, natürlich gab es auch viele schwere Schicksale, wir selbst sind, wie ich später rausfand, aus einem besonders schrecklichen Grund zu dem seelischen Stress, durch meinen Vater ausgelöst, dazu dort hineingegangen. Doch wir haben unseren Humor nie verloren, auch wenn meine Mutter hart für uns und für unsere Zukunft gekämpft hat. Die Zeit im Frauenhaus war wahrscheinlich das Beste was uns passiert ist und ohne das Frauenhaus wären wir ziemlich aufgeschmissen gewesen und hätten vielleicht noch weiter in einer seelischen Diktatur gelebt. Ich kann nur jeder Frau empfehlen, die körperliche und seelische Gewalt erfährt, sich ans Frauenhaus zu wenden, es wird einem dort ehrlich und aufrichtig geholfen. Leider musste ich selbst mit 13 Jahren erfahren, dass sich das Leben durch einen unangenehmen Grund von einem auf den anderen Tag ändert. Ich habe viele Freunde in C. gelassen – doch wie es doch so schön heißt: Man merkt erst, welchen Wert etwas hat, wenn man es verloren hat. Und so war’s: meine echten Freunde habe ich heute noch und sie halten alle zu mir, so wie ich zu ihnen. Ich habe wahrscheinlich mein Leben lang daran zu knabbern, dass all das passiert ist, was vor dem Frauenhaus war, aber das nehme ich für dieses neue Leben in Kauf. Ich bin stolz drauf im Frauenhaus gewesen zu sein und ich bin sehr stolz auf meine Mama, dass sie diesen Weg gewagt hat, um alle ihre vier Kinder in ein neues und besseres Leben zu retten, dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Meine Mutter hat das einzige Richtige gemacht. Wir alle waren eingeschlossen in uns selber, sie hat uns den Schlüssel zum Freisein gegeben und sie hat sich ihren Schlüssel selbst erkämpft. Das meine Mutter uns da rausgeholt hat genau im richtigen Moment und mit den richtigen Mitteln war das beste, was sie für uns tun konnte und sie hat immer nur an unser Wohl gedacht, weil sie eine liebevolle und tolerante Mutter ist und war. Natürlich hatte sie Angst vor jedem neuen Schritt, denke ich. Doch sie hat die Angst überwindet für uns und für sich selbst. Und man sieht jetzt, dass sie nichts falsch gemacht hat. Ich habe einen tollen Abschluss gemacht, wozu ich sagen muss, dass mein Vater meiner Mutter vorgeworfen hatte, dass wir alle in der Schule absinken, wenn sie sich trennt. Und meine Geschwister und ich sind zu sozialen, toleranten, freundlichen und selbständigen Menschen ohne die Hilfe meines Vaters geworden. Ich glaube meine Mutter hat es geschafft, weil sie beweisen wollte, dass sie nicht das ist, wofür sie viele gehalten haben, die Frau von irgend jemanden oder die Mutter von irgend jemanden, sondern sie ist eine eigenständige Person mit Wünschen, Hobbys, Empfindungen, Träumen, Ideen und ihrem eigenen Stil. Irgendwann muss sie gemerkt haben, dass sie als die Frau meines Vaters nur eine Rolle gespielt hat und zwar die Rolle, die vertuschen soll, dass es nicht so toll ist, wie es nach außen aussieht. Sie hat es geschafft neu anzufangen mit uns, weil sie erstens uns retten wollte und wusste, dass es jetzt genau richtig ist und weil meine Mutter immer eine Kämpfernatur ist und zweitens, weil sie wusste, dass alle ihre Meinung teilen und versucht haben, ihr auf den Weg zu helfen, wie z.B. meine Tanten, meine Oma usw. Meine Mutter hat das Richtige getan, weil sie für uns immer das Richtige tat und weil sie wusste, was in uns vorgeht, auch wenn wir es ihr nie richtig gesagt haben. Ich bin auch sehr dankbar für das Team des Frauenhauses, was uns auf den richtigen Weg gebracht hat. Es ist manchmal schwierig, den richtigen Weg zu sehen und es ist manchmal schwierig zu sehen, dass eine sehr schlechte Sache positiv enden kann, doch es ist geschehen und wir sind endlich dort, wo wir schon immer hätten sein sollen in Ruhe und Harmonie.

Ich danke dem Team des Frauenhauses sehr für die Unterstützung und dass sie uns in ein sicheres Haus aufgenommen haben. Vielen Dank!

Annie hat erfolgreich ihren erweiterten Realschulabschluss bestanden und will Fotografin werden.

Die Vase

Irgendwann werde ich ein Buch schreiben, hab‘ ich mal gesagt. Aber, wie beginnt man eins. Ich weiß es nicht. Also fang‘ ich an, ich sitze hier in meiner Wohnung an meinem eigenen PC.
Wenn ich vor einiger Zeit gedacht hätte, dass ich das mal schreiben würde … ich hätte über mich selber gelacht.
Mir kam neulich ein Vergleich… ein komischer Vergleich mit einer Vase.

Ja, Vase.
Ich dachte darüber nach, warum ich solange gebraucht habe, um aus meiner Ehe auszubrechen.
Ich dachte, es ist wie mit einer Vase. Du kaufst sie, weil sie dir so gut gefällt. Und du liebst diese Vase. Du stellst immer frische Blumen rein. Sie wird gepflegt und immer hübsch hergerichtet. Und dann … eines Tages, keiner will es gewesen sein, stößt jemand an die Vase.

Gut, sie ist nicht kaputt.
Sie bekam nur einen Sprung. Aber sie ist irgendwie immer noch intakt. Man stellt sie eben so hin, dass der Sprung nicht zu sehen ist. So vergehen die Jahre. Du weißt, dass da ein Sprung ist, aber … nur du. Und du schaust nicht genau hin. Warum solltest du sie denn wegschmeißen? Schließlich passt sie gerade da gut hin. Und du hast dich so an sie gewöhnt. Eine neue kaufen? Ja, du hast darüber nachgedacht, aber … in die Vase kommen ja schöne Blumen hinein. Und dann ist die Vase wieder wunderschön. Irgendjemand nimmt eines Tages die Vase in die Hand und sagt, die ist ja kaputt. Und du sagst, kaputt? Nein, sie hat nur einen kleinen Sprung … sie ist trotzdem in Ordnung. In Wirklichkeit aber magst du diese Vase nicht mehr. Nur, es ist so … du hängst ja irgendwie an ihr. Du hast sie gekauft. Verdammte Vase! Warum schmeißt sie denn keiner hin, damit sie ganz kaputt geht. Aber dann würden ja die schönen Blumen hinaus fallen. Mutwillig willst du nicht sein … nein, du nicht! Irgendwann stellst du die Vase weg. Sie steht in einer Ecke und verstaubt.

Tja … du kaufst dir keine neue, nein: Was würden denn die „Blumen“ dazu sagen. Jeden Tag schaust du diese Vase an und denkst, ein Jammer. Tu sie weg!Aber du tust es nicht. Warum? Verdammt nochmal, warum? Dann … viele kleine Scherben liegen eines Tages da, wo die Vase stand. Endlich wird dir klar, sie ist kaputt!!! Wenn du jetzt versuchst, die Scherben zusammen zu setzen, bist du verloren. Tu‘ es nicht, es geht nicht! Lass es! Du stehst vor dem Scherbenhaufen. Und war das nicht mal so, als wenn jemand sagte, Scherben bringen Glück? Geh …! Schmeiß‘ sie weg. Endlich gehst du und kehrst den jämmerlichen Rest zusammen. Endlich! Und als du sie wegschmeißt, bist du erleichtert. Aber du wirst dir nie wieder so eine Vase kaufen. Jedoch die „Blumen“ nimmst du mit. Nach langer, viel zu langer Zeit habe ich meine Vase weggeschmissen. Und die Blumen? Die haben Wurzeln bekommen. Sie brauchen diese Vase nicht mehr … genausowenig wie ich.

Ursula Carparelli